Übungsbogen 12: Unsichtbare Helfer, sichere Fahrt und das Flüstern des Windes
Willkommen zurück an Bord, meine lieben angehenden Skipper! Heute begeben wir uns auf eine ganz besondere Reise. Stell dir vor, du stehst am Steuer einer Yacht, vielleicht einer eleganten Zehn-Meter-Schönheit, und vor dir liegt ein aufregendes Abenteuer. Wir werden uns heute mit den unsichtbaren Helfern beschäftigen, die dir den Weg weisen, mit den Regeln, die für ein friedliches Miteinander auf See sorgen, und mit dem Flüstern des Windes, das uns viel über das Wetter verrät. Mach es dir bequem, denn diese Geschichte soll nicht nur dein Wissen erweitern, sondern dich direkt ins Herz des Segelns entführen.
Im Labyrinth der Navigation: Dein Wegweiser auf See
Beginnen wir unsere Reise mit der Navigation, dem Kompass und den modernen Wundern der Technik, die uns sicher ans Ziel bringen. Stell dir vor, du segelst in der Dämmerung, vielleicht durch ein belebtes Fahrwasser wie die Elbmündung, und plötzlich taucht auf deinem Plotter ein ganzer Schwarm von Schiffen auf, die du mit bloßem Auge noch gar nicht sehen kannst. Jedes Schiff hat einen Namen, einen Kurs, eine Geschwindigkeit. Das ist AIS in Aktion, das Automatische Identifikationssystem. Es ist wie ein unsichtbarer Wachmann, der dir ständig die Identität und die Bewegungsdaten aller ausgerüsteten Schiffe in deiner Nähe sendet. Ohne dein Zutun, ganz automatisch. Und mehr noch: Es können sogar sicherheitsrelevante Nachrichten übertragen werden, quasi ein digitaler Notruf von Schiff zu Schiff oder von Landstationen. AIS ist ein unverzichtbares Werkzeug für deine Sicherheit auf See.
Doch auch mit all der modernen Technik bleibt der klassische Kompass ein treuer Begleiter. Aber hast du dich je gefragt, was die Ablenkung eines Kompasses dauerhaft beeinflussen kann? Denk mal an die magnetischen Kräfte an Bord. Jedes Metallteil, jeder Einbau, sogar die Lage von Ausrüstungsgegenständen kann das Erdmagnetfeld in deiner unmittelbaren Umgebung verändern und damit die Kompassnadel beeinflussen. Deshalb ist es so wichtig, für jedes einzelne Schiff eine eigene Ablenkungstabelle zu erstellen. Denn die magnetischen Verhältnisse sind auf jeder Yacht einzigartig, und was auf einer Yacht stimmt, kann auf der nächsten schon völlig falsch sein. Diese Tabelle hilft dir, den angezeigten Kompasskurs in den wahren Kurs umzurechnen.
Apropos Kurse: Wenn du auf dein GPS-Gerät schaust, welcher Kurs wird dir da eigentlich angezeigt? Es ist der Kurs über Grund, der KüG. Das ist der tatsächliche Weg, den dein Schiff über den Meeresboden zurücklegt, und er berücksichtigt Strömungen und Abdrift. Dein Kompass zeigt dir hingegen den Kurs durchs Wasser an, den du steuerst. Der Unterschied kann erheblich sein, besonders in strömungsreichen Gebieten.
Und wenn wir schon bei der Navigation sind: Erinnerst du dich an die bunten Linien in der Seekarte, die uns die Fahrwasser Grenzen zeigen? Oder an die Symbole für Wracks, Untiefen oder Ankerverbotszonen? Wo sind all diese Zeichen erklärt? Die Antwort ist einfach: in der "Karte 1/INT" des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie, kurz BSH. Das ist sozusagen das Wörterbuch für alle Seekartensymbole. Ohne sie wäre eine Seekarte ein Buch mit sieben Siegeln.
Stell dir vor, du navigierst in einem Gezeitengewässer, vielleicht in der Nordsee. Du siehst eine Zahl in der Karte, die eine Tiefe angibt. Was genau bedeutet diese Kartentiefe? Sie ist die Wassertiefe, die auf Kartennull bezogen ist. Kartennull ist ein festgelegter Bezugspunkt, meist das niedrigste astronomische Ebbe-Wasser. Die Kartentiefe sagt dir also, wie viel Wasser dort mindestens ist, wenn die Gezeiten auf ihrem absoluten Tiefstand sind. Es ist die Wassertiefe abzüglich der aktuellen Gezeitenhöhe. Aber Vorsicht: Der Wind kann da noch ein Wörtchen mitreden! Ein starker Wind kann Strömungen und Wasserstandsänderungen hervorrufen, die sich zu den normalen Gezeitenströmen und Gezeiten addieren oder subtrahieren. Ein auflandiger Sturm kann das Wasser höher drücken, ein ablandiger Sturm es tiefer ziehen. Das muss man immer im Hinterkopf behalten, besonders in flachen Gewässern.
Manchmal siehst du in der Seekarte auch einen roten Sektor eines Leitfeuers, zum Beispiel "rot 030°-042°". Welcher Quadrant ist das eigentlich? Stell dir vor, du peilst das Leuchtfeuer an. Die angegebenen Gradzahlen sind Peilungen zum Leuchtfeuer. Wenn der Sektor von 030° bis 042° liegt, dann bedeutet das, dass du dich im Südwest-Quadranten befindest, wenn du von dort aus das Leuchtfeuer in diesem roten Bereich siehst. Es ist eine Peilung von dir zum Feuer, nicht umgekehrt.
Und noch ein letzter Blick auf die Seekarten, diesmal auf eine britische. Vielleicht findest du dort einen Stempel: "Corrected up to N.T.M. 3595 1998". Was bedeutet das? Es heißt, dass diese Seekarte bis zur Mitteilung Nummer 3595 der "Admiralty Notices to Mariners" aus dem Jahr 1998 berichtigt wurde. Das ist wichtig, denn Seekarten müssen immer aktuell sein. Neue Wracks, verlegte Tonnen oder geänderte Fahrwasser können die Sicherheit stark beeinflussen. Deswegen ist die Berichtigung so entscheidend.
Das Seerecht: Miteinander auf den Wellen
Nachdem wir uns durch die Tiefen der Navigation gearbeitet haben, tauchen wir ein in die Welt des Seerechts. Hier geht es darum, wie wir uns alle sicher und rücksichtsvoll auf dem Wasser bewegen.
Stell dir vor, du bist in den deutschen Nationalparks im Wattenmeer unterwegs. Eine atemberaubende Naturlandschaft, die es zu schützen gilt. Hier gibt es besondere Befahrensregelungen, besonders in den Schutzzonen I. Das Verlassen der Fahrwasser ist dort zwischen drei Stunden nach Hochwasser und drei Stunden vor dem folgenden Hochwasser untersagt. Das gibt der Natur eine Atempause. Und auch die Geschwindigkeit ist begrenzt: Außerhalb des Fahrwassers darfst du mit Sportfahrzeugen höchstens acht Knoten fahren, und im Fahrwasser sind maximal zwölf Knoten erlaubt. Das dient dem Schutz der Tierwelt und der empfindlichen Ökosysteme.
Doch auch außerhalb der Nationalparks gibt es klare Regeln, um Zusammenstöße zu vermeiden. Wie erkennst du sicher die Gefahr eines Zusammenstoßes? Ganz einfach: Wenn die Kompasspeilung zu einem anderen Fahrzeug gleich bleibt und ihr euch gleichzeitig nähert, dann ist die Gefahr eines Zusammenstoßes gegeben. In diesem Fall musst du handeln!
Und was ist, wenn dir ein tiefgangbehindertes Fahrzeug begegnet? Das sind oft große Schiffe, die aufgrund ihres Tiefgangs nur im Fahrwasser fahren können und kaum Spielraum für Ausweichmanöver haben. Als Sportfahrzeug hast du die Pflicht, deren sichere Durchfahrt nicht zu behindern. Das bedeutet, du musst frühzeitig handeln: eine Kursänderung, eine Geschwindigkeitsänderung oder beides. Zeig klar und deutlich, was du vorhast, damit der andere Schiffsführer deine Absicht erkennt.
Apropos Schiffsführer: Welche verkehrsrechtliche Verantwortung trägst du als Skipper? Du bist dafür verantwortlich, alle Verkehrsvorschriften zu befolgen, also die Kollisionsverhütungsregeln (KVR) und die Seeschifffahrtsstraßen-Ordnung (SeeSchStrO). Aber nicht nur das: Du musst auch sicherstellen, dass dein Schiff richtig ausgerüstet ist, um Lichter und Signalkörper zu zeigen und Schallsignale zu geben. Stell dir vor, du bist nachts unterwegs und deine Positionslichter funktionieren nicht – das wäre eine Katastrophe!
Und was, wenn du aus einem Seitenarm in ein Hauptfahrwasser einbiegen willst? Du musst die Vorfahrt der Fahrzeuge im Fahrwasser beachten. Das heißt, du musst warten, bis das Fahrwasser frei ist, und zwar so, dass du durch dein Fahrverhalten klar zu erkennen gibst, dass du warten wirst. Kein Hineinschleichen, sondern deutliches Anzeigen deiner Absicht!
Ein kleines Szenario: Du passierst Cuxhaven, segelst elbabwärts und siehst an deiner Steuerbordseite eine Tonne mit der Aufschrift "32a". Um was für eine Tonne handelt es sich? Es ist eine Backbordfahrwassertonne. Und welche Bezeichnung hat die nächste Tonne an der gleichen Seite? Ganz einfach: Die nächste Tonne ist die "32". Die Buchstaben zeigen dir an, dass es sich um eine Zwischentonne handelt.
Und zum Abschluss des Seerechts noch eine Definition: Was ist ein "manövrierbehindertes Fahrzeug"? Das ist ein Schiff, das durch die Art seines Einsatzes – zum Beispiel ein Bagger, ein Kabelleger oder ein Schleppverband – nicht in der Lage ist, regelgerecht zu manövrieren und einem anderen Fahrzeug nicht ausweichen kann. Diese Schiffe haben besondere Rechte und du musst ihnen besondere Aufmerksamkeit schenken.
Seemannschaft: Beherrsche dein Schiff
Jetzt wenden wir uns der Seemannschaft zu, dem praktischen Wissen, das dich zu einem kompetenten Skipper macht.
Stell dir vor, du übernimmst eine dir unbekannte Yacht in einem neuen Hafen. Wie machst du dich mit ihren Segeleigenschaften vertraut, bevor du in See stichst? Ganz einfach: Du fährst diverse Manöver. Wende, Halse, vielleicht sogar eine Q-Wende, und verschiedene Rettungsmanöver. Und das Ganze mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Besegelungen. Nur so spürst du, wie das Schiff reagiert, wie viel Ruderdruck es braucht, wie schnell es Fahrt aufnimmt oder verliert. Das ist der beste Weg, um Vertrauen zu deinem neuen Untersatz aufzubauen.
Eine Zehn-Meter-Yacht ist ein komplexes System. Was gehört alles zur Sicherheitsausrüstung? Denk an Lenzpumpen und Eimer, um Wasser aus dem Schiff zu bekommen, an Lecksicherungsmaterial für den Fall der Fälle, an Feuerlöscher, Werkzeuge und Ersatzteile für Reparaturen unterwegs. Seenotsignalmittel dürfen auf keinen Fall fehlen, ebenso wie Handlampen für die Nacht, eine Funkeinrichtung für die Kommunikation, ein Anker, eine Erste-Hilfe-Ausrüstung, ein Radarreflektor, um von größeren Schiffen gesehen zu werden, und natürlich Rettungsmittel wie Rettungswesten und Rettungsinsel. Das ist nur eine Auswahl, aber sie zeigt, wie umfassend die Sicherheitsausstattung sein muss.
Und apropos Anker: Welcher Ankergrund ist eigentlich für die üblichen Leichtgewichtsanker wie den Pflugschar- oder Plattenanker am besten geeignet? Sand, Schlick und weicher Ton oder Lehm sind hervorragend. Harter Ton und Lehm sind noch mäßig geeignet. Aber steinige, verkrautete oder stark schlammige Böden? Die sind ungeeignet. Dort findet dein Anker keinen Halt.
Was sollte außer den Festmacherleinen, Fallen und Schoten noch an Tauwerk an Bord sein? Unbedingt Reservetauwerk, eine Wurfleine für den Mann-über-Bord-Fall, eine Schlepptrosse, falls du mal abgeschleppt werden musst, und eine Ankerleine zusätzlich zur Kette. Tauwerk ist dein wichtigstes Werkzeug an Bord, und du kannst nie genug davon haben.
Wenn du Leinen zusammenknotest, was musst du dann hinsichtlich der Festigkeit bedenken? Jeder Knoten schwächt eine Leine! Es können Festigkeitsverluste von bis zu 50 Prozent auftreten. Deshalb ist die Wahl des richtigen Knotens und das sorgfältige Knüpfen so wichtig.
Ein Blick auf die Yacht selbst: Viele moderne GFK-Yachten sind in Sandwichbauweise gebaut. Welchen Vorteil hat das gegenüber der Massivbauweise? Die Sandwichbauweise sorgt für große Steifheit und Verwindungsfestigkeit bei geringerem Gewicht. Und ein weiterer großer Pluspunkt ist die gute Isolierung, was im Sommer kühlt und im Winter wärmt.
An den Segeln gibt es viele Trimmeinrichtungen. Eine davon ist der Unterliekstrecker am Großsegel. Wozu dient er und wie beeinflusst er den Trimm? Er reguliert die Spannung des Unterlieks, also des unteren Segelrandes. Je nachdem, wie stark du ihn anziehst, wird der untere Teil des Großsegels flacher oder bauchiger. Ein flaches Segel ist gut bei viel Wind, ein bauchiges bei wenig Wind.
Und zum Schluss noch ein technisches Detail: Wozu dienen "Opferanoden" und wann sollten sie ausgewechselt werden? Opferanoden dienen dem Schutz von Metallteilen unter Wasser vor Elektrolyse, einer Art Korrosion, die durch elektrische Ströme im Wasser entsteht. Sie opfern sich quasi selbst, um andere, wichtigere Metallteile wie die Welle oder den Propeller zu schützen. Sie müssen nach jeder Saison ersetzt werden, nicht erst, wenn sie vollständig verbraucht sind, denn auch eine teilweise verbrauchte Anode schützt nicht optimal.
Wetterkunde: Das Flüstern des Windes verstehen
Zu guter Letzt wenden wir uns dem Element zu, das uns Segler am meisten fasziniert und herausfordert: dem Wetter.
Wie verhält sich der Wind in Bodennähe auf der Nordhalbkugel zwischen Hoch- und Tiefdruckgebieten? Er weht rechtsherum aus dem Hochdruckzentrum heraus und linksherum in den Tiefdruckkern hinein. Das ist die sogenannte Corioliskraft, die den Wind auf der Nordhalbkugel ablenkt. Wenn du dieses Grundprinzip verstehst, kannst du schon viel über die Windrichtung und -stärke ableiten.
Wo bilden sich eigentlich Tröge um ein Tiefdruckgebiet? Ein Trog ist ein Bereich niedrigen Luftdrucks, der sich oft auf der Rückseite von Tiefdruckgebieten in hochreichender Kaltluft bildet. Er folgt typischerweise einer Kaltfront und kann unbeständiges Wetter mit sich bringen.
Wann werden Starkwindwarnungen verbreitet und wie heißen sie international? Starkwindwarnungen werden bei erwarteten oder bereits andauernden Windstärken zwischen sechs und sieben Beaufort herausgegeben. Im internationalen Sprachgebrauch nennt man das "Near-gale warning". Das ist ein wichtiges Signal für uns Segler, denn bei diesen Windstärken kann es schon ungemütlich werden.
Wann entstehen besonders starke Gewitter? Oft zum Ende einer hochsommerlichen Schönwetterperiode, besonders im Zusammenhang mit Kaltfronten. Wenn heiße, feuchte Luft auf kalte Luftmassen trifft, entsteht eine enorme Instabilität in der Atmosphäre, die sich in heftigen Gewittern entladen kann.
Und schließlich: Wie entsteht Strahlungsnebel und wo ist er anzutreffen? Strahlungsnebel bildet sich nach Sonnenuntergang, wenn sich bei klarem Himmel die bodennahe Luftschicht über Land stark abkühlt und unter den Taupunkt fällt. Die Feuchtigkeit kondensiert dann zu Nebel. Du findest ihn besonders oft über Flüssen und engen Durchfahrten, aber durch Windverdriftung kann er auch in Küstennähe vorkommen. Für uns Segler ist Nebel eine der größten Gefahren, denn er nimmt uns die Sicht und macht die Navigation schwierig.
Dein Weg zum sicheren Skipper
Meine lieben Zuhörer, wir haben heute eine weite Reise unternommen, von den unsichtbaren Daten des AIS bis zum geheimnisvollen Strahlungsnebel. Du hast gelernt, wie wichtig es ist, die Karte zu lesen, die Regeln des Seerechts zu befolgen und dein Schiff zu beherrschen. Du hast verstanden, wie der Wind weht und wann du mit Starkwind rechnen musst.
Jeder dieser Punkte ist ein Puzzleteil auf deinem Weg zum sicheren und kompetenten Skipper. Stell dir vor, du kannst all dieses Wissen anwenden, wenn du das nächste Mal die Segel setzt. Du bist nicht mehr nur Passagier, sondern derjenige, der die Verantwortung trägt, der die Entscheidungen trifft. Das ist ein wunderbares Gefühl, aber es erfordert auch Respekt vor der See und ständiges Lernen.
Bleib dran, übe weiter und vor allem: Geh raus aufs Wasser! Denn das wahre Lernen beginnt dort, wo Theorie auf Praxis trifft. Ich freue mich schon auf unser nächstes Kapitel. Ahoi!